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Was mich wirklich umhaut

Viele Dokumente verschwinden im Laufe der Zeit und Erinnerungen verfallen. Im Museum des Mauerdorfes Mödlareuth wurden sie gesammelt und gehütet. Niemand darf in das Archiv, außer dem Museums-Leiter. Für uns hat er eine Ausnahme gemacht - zum Glück...


Ich wühle im Museums-Archiv des Mauerdorfes Mödlareuth. Große Stahl-Regale stehen auf dem Dachboden des Fachwerkhauses. Darin: hunderte Ordner, Dokumente, Bilder. Ich sitze auf dem Boden und blättere sie durch. Zu diesem Archiv hat außer dem Museumsleiter niemand Zutritt. Für uns macht er eine Ausnahme.

Grenzsoldaten an der Mauer von Mödlareuth
Grenzsoldaten an der Mauer von Mödlareuth
Quelle: Deutsch-Deutsches Museum Mödlareuth
Ich finde eine Betriebsanleitung für den guten alten Trabbi, eine Magisterarbeit über das Dorf Mödlareuth und seine freiwilligen Grenzsoldaten. Ich finde viele Zeitungsartikel zur Zeit des Mauerfalls in Berlin. Schon irgendwie interessant, das alles. Aber was mich wirklich umhaut: ein unscheinbarer Gemeindebrief aus dem Jahr 1989. Ich ziehe ihn aus einem Berg von Plakaten. Ich schlage ihn auf und fange an zu lesen:

"Liebe Gemeinde, Menschen brechen auf. Wir erleben in diesen Zeiten einen geradezu unglaublichen Aufbruch. Von einzelnen, von Familien und Gruppen, ja von ganzen Völkern. Sie haben es satt, Tag für Tag, Jahr für Jahr, womöglich ein ganzes Leben lang auf der Stelle zu treten. Sie lassen sich von niemandem mehr zwingen auf der Stelle zu treten oder sitzen zu bleiben."

Es sind bewegende Worte. Worte voller Schmerz - und großer Hoffnung. Heute, 20 Jahre später, fühle ich mich beim Lesen, als wäre ich dabei. Der Ruf nach Freiheit, der Wunsch, zu reisen, die Welt zu sehen - all das beschreiben diese Worte. Und ich bekomme Gänsehaut. Die Menschen in Mödlareuth wurden getrennt - von ihren Freunden, ihrer Familie, von ihren Träumen. Egal, ob die Ostdeutschen auf der thüringischen Seite oder die Westdeutschen in Bayern.

"Es ist Zeit. Laßt uns aufbrechen. In Gedanken und mit Worten; mit den Füßen und mit den Händen."

Diese Menschen wollten Veränderung. Sie hatten es satt, dass eine 3,30 Meter hohe Betonmauer sie spaltet.
Und irgendwann kommt der Punkt, an dem Konsequenzen egal sind. Todesstreifen, Betonmauer und Maschinengewehre. Unterdrückung, Verbote oder Gefängnis. Schluss damit. 1989. Es ist das Jahr, an dem genau dieser Punkt erreicht ist.

"Sie brechen auf - die Mauer des Schweigens, die man um die wahren Zustände gelegt hat."

Die wahren Zustände? Ich kann nur sagen, wie es im Osten war. Auch ich bin dort geboren worden. Ich war noch jung - doch auch heute noch erinnert sich meine Familie zurück, wie es war. Und sie reden vor allem von Angst und Schrecken. Von Drohungen, Zwang und Bevormundung. Ja, sie reden auch von Momenten der Freude, des kleinen Glücks hinter Beton. Der 35. Geburtstag. Die erste große Liebe. Die jährliche Tour an die Ostsee. Doch im Kopf blieb - trotz Glücksmomentes - dieses Gefühl zurück. Das Gefühl, eingesperrt zu sein. Die Gedanken, sogar ein Freund könnte dich bespitzeln. Und das macht jeden Glücksmoment kaputt.

"Wer aufbricht, bricht auch ab."

Ja. Das stimmt. Es gehört viel Mut dazu, sich aus alten Mustern zu lösen. Es ist einfacher, nichts zu sagen, weiterzumachen wie bisher. Mitzuschwimmen in der Masse. Aber was ist Ruhe und Gewohnheit im Vergleich zu neuem Glück? Zu neuer Freiheit? Zu Gefühlen, die nicht mehr von der Angst bestimmt werden? Es ist nichts. Das Kämpfen lohnt sich. Auch, wenn der Weg schwer und lang sein mag.

"Wer aufbricht, weiß genau, was er hinter sich lässt. Und er hat ein Ziel. Vielleicht nicht immer gleich klar und konkret, aber doch groß und schön"

Das ist Mut. Und Mut ist auch, zu der Entscheidung zu stehen. Durchzuhalten. Nicht umzukehren. Das haben die Bürger von Mödlareuth getan. Es ist der 12. November 1989, als Pfarrer Gerhard Schneider diese Worte in seiner Predigt spricht. Der Pfarrer lebt auf der Westseite. Kann einer, der diesen Alptraum nicht erlebt, überhaupt ahnen, was da in den Köpfen vorgeht?

Predigt von Pfarrer Schneider
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Die Predigt von Pfarrer Schneider am Tag des Mauerfalls
Quelle: Axel Springer Akademie
Die Antwort ist, ja. Tag für Tag sieht er die Zustände. Er schaut auf die weiße Mauer. Er trifft Menschen. Pfarrer Schneider sagt: "Wenn ich an ein Gespräch erst kürzlich bei einer Silbernen Hochzeit in der Gemeinde denke: Ein Mann neben mir, aus einer mittelgroßen Stadt bei Berlin, sagte, seit einem halben Jahr suche er zusammen mit seiner Frau nach einer Möhre für das kleine Enkelkind und bekomme keine."

Knapp einen Monat nach der Predigt von Pfarrer Schneider bröckelt endlich die Mauer in dem geteilten Dorf weg.

"Sie (die Bürger - Anmerk. der Red.) brechen die Mauer auf. Jenes widerliche Gebilde, das Menschen von Menschen, das Deutsche von Deutschen trennt, das die Bewohner von Mödlareuth entzweit."

Der 4. Dezember 1989. Menschen aus Ost und West versammeln sich an der Grenze. Sie fordern die Öffnung. Sie halten Kerzen und Fackeln in ihren Händen. Sie sprechen von der Öffnung. Ja, sie fordern sie jetzt sogar.
Am 7. Dezember 1989 ist es schließlich soweit. Die Mauer fällt. In den Köpfen, in dem Dorf. Der Kampf hat sich gelohnt.

"Wer aufbricht, bricht auch ab."

Die Menschen haben abgebrochen mit der Ungerechtigkeit. Und sie sind aufgebrochen in eine neue Zeit. Eine Zeit der Freiheit - ohne diese Angst.



Sabrina Treisch / 30.August 2009



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