WAS EINT WAS TEILT WAS BLEIBT WAS BESCHREIBT HINTERGRUND

54 Einwohner - zwei Bürgermeister

Ein Dorf, zwei Bürgermeister: Der West-Teil von Mödlareuth gehört zur bayerischen Gemeinde Töpen, der Ost-Teil zur thüringischen Gemeinde Gefell. Im Interview erzählen die Bürgermeister Klaus Grünzner und Marcel Zapf, wie sie mit der besonderen Situation umgehen.

In Mödlareuth halten sich meist mehr Besucher als Einheimische auf, man könnte fast von einem Museumsdorf sprechen. Gefällt Ihnen das?

Marcel Zapf: Ich empfinde das als sehr positiv. Es ist gut, dass sich die Menschen für die Geschichte Mödlareuths interessieren – und das Museum ist ein Mahnmal für künftige Generationen.

Marcel Zapf, Bürgermeister von Gefell
Marcel Zapf (parteilos, 26) ist Bürgermeister in Gefell
Quelle: Axel Springer Akademie
Klaus Grünzner: Man darf natürlich bei aller Freude nicht vergessen, dass auch noch Menschen im Dorf wohnen. Die Einwohner möchten einfach ihrer täglichen Arbeit nachgehen. Bei jährlich 60.000 Besuchern ist das nicht immer leicht.

Warum?

Grünzner: Nehmen Sie doch zum Beispiel die Journalisten. Meistens wollen die von der Bevölkerung eigentlich nur eines wissen: Gibt es die Mauer in den Köpfen noch? Und die Antwort liefern die meisten gleich mit: Jawohl, sie ist noch da. Wenn der Artikel dann erscheint, ist der Journalist längst wieder in Berlin, aber die Mödlareuther sind noch da und müssen mit dem Geschriebenen leben.

Die Mauer in den Köpfen gibt es also nicht mehr?

Zapf: Nein, die Mauer ist Geschichte. Natürlich gibt es bei uns Differenzen wie überall sonst auch. Aber diese Differenzen verlaufen nicht entlang der Landesgrenze. Das Zusammenwachsen hat hier sehr gut geklappt. Differenzen, die es nach der Grenzöffnung vielleicht hier und da gab, haben meine Generation nie interessiert. Eine Teilung gibt’s für mich nicht mehr.

Grünzner: Es ist sicherlich so, dass der eine oder andere mal schimpft auf dieser Seite und auf der anderen. Aber wenn es um eine sachliche Diskussion geht, dann ist man sich ruckzuck wieder einig. Ich habe als Standesbeamter auch schon unzählige Ost-West-Paare getraut. Das vermischt sich alles wieder.

Gibt es Bestrebungen, Mödlareuth verwaltungstechnisch zusammenzulegen?

Grünzner: Von unserer Seite sicherlich nicht.

Zapf: Da hätten wir auch wenig zu entscheiden, das ist ja Ländersache.

Wie erinnern Sie sich an den Mauerfall?

Zapf: Ich war damals sechs Jahre alt, es war ein großes Ereignis für mich. Die Besucherströme, die vielen Geschenke… aber einordnen konnte ich das in meinem Alter noch nicht. Ich hatte auch vor dem Mauerfall nicht realisiert, überhaupt hinter einer Mauer zu leben.

Grünzner: Ich erinnere mich vor allem an die Angst, die wir nach dem Mauerfall in Berlin hatten.

Angst?
Klaus Grünzner, Bürgermeister von Töpen
Klaus Grünzner (CSU, 57) ist Bürgermeister in Töpen
Quelle: Axel Springer Akademie

Grünzner: In Berlin fiel die Mauer am 9. November 1989, aber in Mödlareuth stand sie Wochen später immer noch. Wir hatten wirklich die größten Bedenken, dass die Entwicklung an unserer Region vorbeilaufen und die Mauer stehen bleiben würde.

Und welche Gefühle hatten Sie, als die Mauer am 17. Juni 1990 dann doch eingerissen wurde?

Grünzner: Das war die pure Emotion, bei vielen Dorfbewohnern flossen Tränen. Auf einmal konnte man durch die Mauer durchlaufen, sich endlich in die Arme fallen, sich grüßen und drücken.

Mödlareuth wird häufig Little Berlin genannt. Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen dem Dorf und der Hauptstadt?

Grünzner: Man kann’s nicht vergleichen. Allein aus dem Grund, dass persönliche Empfindungen dabei sind. Und in Berlin mit den vielen Menschen liegt doch das Interesse viel mehr bei großen Events. Eine Love Parade gibt’s bei uns nicht. Bei uns wird gemeinsam der Maibaum aufgestellt, man ist gerne unter sich.

Zapf: Hier kennt halt jeder jeden.



Jennifer Fuhr / Matthias Kluckert / 17.September 2009



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