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Der Tag, an dem der Bagger kam

Der Bagger reißt die Mauer ein
Karl-Heinz Spörl brachte mit seinem Bagger die Mödlareuther Mauer zu Fall
Quelle: Deutsch-Deutsches Museum Mödlareuth
Der 17. Juni 1990 war einer dieser Tage, an denen der Himmel bedeckt ist, die Leute aber trotzdem abends einen Sonnenbrand mit nach Hause nehmen. Gestört hat das die Mödlareuther und ihre mehrere hundert Gäste an diesem Sonntag aber nicht.

Wahrscheinlich wären sie auch bei Hagel und Sturm zu der kleinen Bühne gekommen, von der der amtierende Bürgermeister Arnold Friedrich redete. Es waren feierliche Worte, es wurde der Tag der Deutschen Einheit in Berlin gefeiert und es war der Tag, an dem Mödlareuth endgültig zu Little Berlin wurde.

Der Kontakt zur Hauptstadt, in der an diesem Tag die letzten DDR-Gesetze außer Kraft gesetzt wurden, bestand mit Hilfe kleiner Transistor-Radios, denen die Menschen in Mödlareuth mit einem Ohr lauschten. Ansonten galt ihre volle Aufmerksamkeit dem Geschehen im Schatten der Mödlareuther Mauer. "Es wusste ja keiner, was passieren würde. Keiner hat dem Braten richtig getraut", sagt Karl-Heinz Spörl. Spörl hatte Glück, dass er überhaupt bis nach Mödlareuth durchgekommen war mit seinem LKW. An Sonntagen herrschte Kraftfahrverbot, und hätte die Polizei ihn mit seinem Tieflader erwischt - seine Mission wäre beendet gewesen, bevor sie richtig begonnen hatte. Die Polizei aber patrouillierte an diesem Tag - rein zufällig natürlich - auf den abgelegensten Strecken, weshalb Karl-Heinz Spörl unbehelligt nach Mödlareuth gelangte. Für den Fortgang des Tages war das nicht unerheblich.

Hinter jeder Platte wartete ein Lächeln


Auf dem Tieflader, den Spörl steuerte, stand ein Bagger, der ebenfalls seinem Bau-Unternehmen gehörte. Grün-Weiß, von der Marke Rotmann. Den hatte er, so gut es in einem Dorf der Größe Mödlareuths möglich ist, hinter ein paar Bäumen auf einer Anhöhe im West-Teil des Orts versteckt. Was er vorhatte, sollte eine Überraschung werden für alle Mödlareuther.

Bagger reißt Mauer ein
Bis auf knapp 100 Meter riss Karl-Heinz Spörl die Mauer ein
Quelle: Deutsch-Deutsches Museum Mödlareuth
Spörl hielt sich also im Hintergrund, während er auf das geheime Kommando wartete, das er und Bürgermeister Friedrich vorher vereinbart hatten. "Als ich dann sagte, 'ich habe noch ein weiteres Zuckerl’, hat der Karl-Heinz Spörl den Bagger angeworfen und ist auf die Mauer zu", erinnert sich Friedrich. Zuckerl - ein Signalwort wie gemacht für diesen Anlass.

Technisch gesehen, sei das keine besondere Leistung gewesen, meint Karl-Heinz Spörl 19 Jahre später. Mit der Schaufel seines Baggers drückte er die einzelnen Grenz-Elemente aus ihrer Halterung, viele zerbrachen dabei wie Streichhölzer. "Der Beton war noch nicht einmal mit Eisenstreben verarbeitet. Das war wie Pappmachée", sagt er. "Aber symbolisch betrachtet, war ich natürlich stolz." Hinter jeder Mauerplatte, die er durchbrach, erwarteten ihn strahlende Gesichter.

Little Berliner Mauerspechte


Eines gehört Karin Mergner, die auf der bayerischen Seite Mödlareuths wohnte und jeden Morgen beim Blick aus dem Fenster die Mauer sah. "Als dann die Steine hinuntergefallen sind und kaputt waren, da war ich zum ersten Mal sicher, dass es jetzt vorbei ist mit der Teilung", sagt sie. Die Mauer, die das Leben der Menschen in Mödlareuth über Jahre beschränkt hatte - binnen Minuten war sie zu einem Gerippe aus Stahlpfosten geworden.

In den folgenden Stunden nahmen die Mödlareuther einen weiteren Berliner Charakterzug an: Sie wurden zu Mauerspechten. Jeder sicherte sich seinen Steinbrocken, jemand nahm gar die komplette Tür mit, die zuvor der einzige Durchgang zwischen beiden Ortsteilen war. Sie ist bis heute nicht wieder aufgetaucht, auch weil die Mödlareuther den zweiten Teil des 17. Juni feiernd und trinkend verbrachten und andere Dinge im Kopf hatten als eine alte Grenz-Tür. "Ganz Mödlareuth war wie ein einziges Volksfest", meint Karin Mergner. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Menschen ihre kleinen Radios längst beiseite gelegt. Sie brauchten keine Nachrichten mehr aus Berlin. Sie waren jetzt selber ein bisschen Berlin - Litte Berlin.



Simon Pausch / 20.September 2009



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