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Der Mann mit der doppelten Wende

Karl-Heinz Spörl (59)
Karl-Heinz Spörl (59) bescherte den Mödlareuthern 1990 eine offene Grenze
Quelle: Axel Springer Akademie
Nachdem dieser Mann die Mauer in Mödlareuth einriss, ging sein Leben zu Bruch. Die Geschichte von Karl-Heinz Spörl, dem seine Gutmütigkeit zum Verhängnis wurde.

Dieser Mann brachte den Mauerfall nach Mödlareuth. Weil er der größte Bau-Unternehmer am Platz war und als einziger das dafür nötige Gerät besaß. Weil er in Töpen in Bayern aufgewachsen war, Verwandte in Sachsen hatte und fand, dass die Mauer endlich eingerissen gehörte. Weil er ein Mann der Tat war. Und weil er ein gutes Herz hatte. Also nahm er seinen Bagger und planierte die Mauer bis auf jene Meter, die heute noch stehen.

Heute ist Karl-Heinz Spörl 59 Jahre alt. Er ist stark übergewichtig, um an unserem Tisch zu sitzen, braucht er zwei Stühle. Sein Unternehmen gibt es schon lange nicht mehr und somit auch keinen festen Arbeitsplatz für ihn. Seine Frau hat ihn verlassen, der Kontakt zu den beiden Söhnen ist selten geworden, der zu seinem einzigen Bruder abgerissen. Wegen des Mauerfalls, sagt Karl-Heinz Spörl.

Die Wende - wenn Karl-Heinz Spörl dieses Wort sagt, spricht er die Anführungszeichen gleich mit. Er fühlt sich nicht wohl mit diesem Begriff. Für ihn bedeutet die Wende, die Vereinigung von Bundesrepublik und DDR, eine Wende in seinem Leben. Eine andere als die im Leben der Mödlareuther und vieler anderer Deutscher. Einen Abschwung, der sich zu Beginn noch als Aufschwung getarnt hatte.

Sechs Kilometer Straße in drei Tagen


Unmittelbar nach dem 9. Novemer 1989 wird Spörl Mitglied der deutsch-deutschen Grenzkommission, einem Zusammenschluss Kurzentschlossener, die unbürokratisch zum Zusammenwachsen von West und Ost beitragen wollten. "Die Motivation bei den Leuten, die Lust, etwas zu verändern, das war absolut bemerkenswert." Einmal hat Karl-Heinz Spörl mit seiner Firma binnen dreier Tage eine Ost- mit einer Weststraße verbunden, die sechs Kilometer voneinander entfernt waren. "Normalerweise braucht es dafür ein halbes Jahr", sagt er. Diese Anekdote sagt viel darüber, wie Karl-Heinz Spörl damals gedacht hat und noch heute denkt.

Vor acht Jahren musste die Bank in Hof, die stets zu Spörl und seinen oft kurzfristigen Investitionen stand, dichtmachen - Übernahme durch einen Konkurrenten. Praktisch zeitgleich schloss das letzte von Spörls Unternehmen. Seine Hilfsbereitschaft gegenüber den Kollegen aus dem Osten hat ihn seine finanzielle Sicherheit, später seine berufliche Existenz gekostet. "Ich habe nichts zur Seite gelegt. Dafür hatte ich gar keine Zeit vor lauter Dingen, die es zu lösen galt." Spörl vermittelte Bau-Maschinen, lieferte Material, schickte Fachleute - vom Westen in den Osten. "Da gab es ja keinen, der dafür bezahlen konnte. Also haben wir getauscht. Aber mit 100.000 Pflastersteinen kann man seine Leute schlecht bezahlen", meint Spörl. Er erzählt erstaunlich distanziert, nur manchmal lässt die Verbitterung seine Stimme leise werden.

Angebot aus Odessa


Die Geschichte von Karl-Heinz Spörl ist die eines Mannes, dessen Leben die Wiedervereinigung, dieser deutsch-deutsche Feiertag, nach unten geknickt hat. Der erlebt hat, wie Wenige aus dem Glück der Vielen Kapital schlugen, wie unbarmherzig die Finanzwelt sein kann, wenn man kein Geld hat aber dafür einen Hof voll mit Pflastersteinen. "Ich bereue nichts, was ich zur Wendezeit getan habe. Diese Mauer musste weg, daran besteht überhaupt kein Zweifel. Leider ist die Euphorie nicht allzu lange geblieben", sagt Karl-Heinz Spörl.

Kurz bevor sein Unternehmen unterging, bekam Karl-Heinz Spörl ein verlockendes Angebot. Der Bürgermeister von Odessa wollte ihn als Bau-Senator in seine Stadt an die Küste des Schwarzen Meeres holen. Er hatte vom Einsatz und dem Wissen von Karl-Heinz Spörl gehört, manchmal brauchen Geschichten von Ostdeutschland in die Ukraine etwas länger. Spörl jedenfalls schlug dieses Angebot aus, weil er sich seinem Unternehmen, seiner Familie, seiner Heimat gegenüber verpflichtet fühlte. "Im Nachhinein", flüstert er, "war das ein Fehler."




Simon Pausch / 08.September 2009



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