WAS EINT WAS TEILT WAS BLEIBT WAS BESCHREIBT HINTERGRUND

Disco-Abend mit Folgen

Heiko Mergner auf der Mödlareuther Mauer
Als 18-Jähriger kletterte Heiko Mergner auf die Mödlareuther Mauer
Quelle: Privatarchiv Karin Mergner
Wendezeit in Mödlareuth: Der West-Mödlareuther Heiko Mergner wollte sich als 18-Jähriger die Langeweile mit einem kurzen Ausflug in die ehemalige DDR vertreiben - und wurde Ziel einer innerdeutschen Fahndung. Ein Protokoll.

"Der 20. Mai 1990 war ein Sonntag. Da wusste jeder im Ort, was losgeht. In Gefell war Tanzabend, das war ja noch ein anderer Staat. Da haben wir uns mit meinem Cousin Reinhard und drei anderen Kumpels gedacht: 'Da machen wir halt rüber.’ Ich bin einfach mitgefahren, mit so einem Suzuki Jeep.

Wir haben die Grenzabsperrung weggeräumt und sind einfach durchgefahren. Das waren so Absperrungen, wie bei einem AC/DC-Konzert. Wir haben die verrückt. Der Grenzer, der dort Dienst hatte, der hatte nur Strümpfe an, als er rausgekommen ist. Vielleicht hat der schon geschlafen. Wir haben ihm gesagt: 'Es passiert nichts, wir fahren in die Juchhöh.’ 'Verdammt, das kann ich nicht machen’, hat der gesagt. 'Die sparen mir beim Urlaub.’ Der hat richtig Schiss gehabt. In Mödlareuth mussten die Leute schon noch aufpassen, die haben alle noch Angst gehabt.

Wir wollten in Gefell zur Disco, Kaffee trinken und sonst was. Uns ist das Ganze doch am Arsch vorbei gegangen. Nachdem wir durchgefahren sind, haben wir die Absperrungen wieder zurückgestellt. Der hat dumm geschaut und das weitergemeldet. Dann haben sie uns zur Fahndung ausgerufen.

'Kommen Sie schnell, hier ist Randale'


Nachts um ein, zwei Uhr waren wir alle voll. An der Juchhöh haben sie uns den Ausweis weggenommen, sind in so eine Holz-Baracke rein und haben telefoniert. Wir haben von draußen mit der Faust gegen die Tür gedroschen. Von drinnen hab ich nur gehört: 'Herr Oberstleutnant, kommen Sie schnell, hier ist Randale.’ Dann sind die mit einem B 1000 gekommen. Das war der DDR-VW-Bus. Die haben richtig Muffe gehabt in der Baracke, die haben sich eingeschlossen.

Dann hieß es, wir sollten dem P 1000 hinterherfahren. Da hab ich gesagt: 'Wenn ich keinen Führerschein und keinen Ausweis habe, dann fahren wir auch nicht hinterher.’ Und die: 'Sie folgen uns! Wir werden Sie den Behörden der BRD übergeben!’ Und dann haben wir gesagt: 'Jawoll, das machen wir.’

Wir sind hinüber nach Töpen gefahren. Und die, die dort standen, mussten sich das Lachen verbeißen. Das weiß ich noch genau: Von einem von uns war der Vater dort, der hatte Nachtschicht. Der meinte: 'Euch haben die Fahnder ausgerufen, ihr seid in Gefell zur Disco.’ Sowas muss man auch mal miterlebt haben. Früh um drei waren wir wieder daheim. So schlimm war das nicht."



Simon Pausch / 10.März 2010



-
Lesezeichen hinzufügen:     icon delicious     icon stumbleupon     icon mrwong            Artikel versenden
-
-

-
Einträge werden geladen...


-

ALLE THEMEN
Das doppelte Dorf
Flucht
Mit jungen Augen
Prominente Stimmen
Museumsdorf Mödlareuth
Gesichter des Dorfes
Stasi
Leben an der Grenze

Der Video-Blog!
IMPRESSUM AUTOREN AXEL SPRINGER AKADEMIE LITTLE BERLIN - KURZ UND KNAPP MAKING OFF