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Nur einmal gelang die Flucht

Sieben Jahre, nachdem die Mauer in Mödlareuth errichtet worden war, gelang es einem 34-jährigen Kraftfahrer aus Göttengrün bei Mödlareuth, in den Westen zu fliehen. Es war und blieb die einzige geglückte Flucht über die Mödlareuther Mauer.

Über eine Leiter auf dem Autodach gelang die Flucht
Über eine Eisenleiter auf seinem Autodach kletterte S. in die Freiheit
Quelle: Militärarchiv Freiburg
Am 25. Mai 1973 gegen 23.40 Uhr schaltet Hans-Jürgen S. die Scheinwerfer seines Autos aus. Er fährt nun ganz dicht an der Mauer entlang. Wenige Minuten später hält er den Wagen an, stellt eine selbst konstruierte Eisenleiter auf das Autodach, lehnt sie an die Betonmauer und klettert. Auf ihn gerichtet: Die Schusswaffe eines Grenzposten. Doch Hans-Jürgen S. hat Glück. Der befehlshabende Postenführer lädt seine Waffe absichtlich zu spät.

S. arbeitete zuvor selbst für die Grenzpolizei


Laut Untersuchungsbericht, den die Nationale Volksarmee drei Tage nach der Flucht erstellte, wollte S. zu seiner Freundin ziehen, die im Westen wohnte. Günstige Voraussetzungen und eine Verkettung glücklicher Umstände vereinfachten ihm die Flucht.

S. war als Kraftfahrer für ein Textilwerk beschäftigt. Er fuhr Schichtarbeiter in die im Grenzgebiet gelegenen Dörfer, wobei er sich die Gegebenheiten an den Grenzen einprägen und das Verhalten der Grenzposten erforschen konnte. Außerdem verfügte er dank dieses Berufs über einen Passierschein für den 500 Meter breiten Schutzstreifen.

Fluchten in und um Mödlareuth

Zwischen Mauerbau und Mauerfall sind für Mödlareuth insgesamt 3-4 Fluchtversuche in Tagesmeldungen der Grenztruppen vermerkt. In einem Umkreis von 80 Kilometern um Mödlareuth gab es nach Recherchen des Deutsch-Deutschen Museums Mödlareuth zwischen 1970 und 1989 etwa 440 Fälle von Fluchtversuchen und Fluchten. Davon wurden 80 Prozent der Flüchtigen schon vor der Sperrzone aufgegriffen, 20 Prozent schafften es auf den Schutzstreifen und nur 5 Prozent gelang tatsächlich die Flucht.

Die Arbeitsweisen der Grenzposten kannte er auch aus persönlicher Erfahrung: Von 1956 bis 1958 arbeitete der spätere "Grenzverletzer" – so die Bezeichnung im NVA-Untersuchungsbericht- selbst für die Deutsche Grenzpolizei, danach für die Deutsche Volkspolizei und bis kurz vor seiner Flucht als Freiwilliger Helfer der Grenztruppen (FHG).

Am Abend seiner Flucht war das Glück schon am ersten Kontrollpunkt auf seiner Seite. Der Angehörige der Volkspolizei ließ sich den Passierschein zeigen, bemerkte nicht, dass das Fahrzeug gar nicht auf dem Schein eingetragen war, und ließ S. in die Sperrzone einfahren.

Auch die nächste Hürde konnte S. passieren. Den Grenzsoldaten, der den Schutzstreifen bei Mödlareuth überwachte, lenkte er während der Kontrolle mit einem Gespräch ab und steckte ihm, bevor er weiterfuhr, noch Zigaretten zu. In Mödlareuth angekommen bog S. an einer für die dortigen Grenzposten schlecht einsehbaren Stelle von der Straße auf den Kontrollstreifen ab und fuhr ohne Licht an der Mauer entlang. Dort stellte er schließlich die Eisenleiter auf sein Auto.

Ein Grenzer hätte S. töten können


Doch er blieb nicht unentdeckt. In dem Moment, als S. die Leiter bestieg, richteten die Grenzposten auf dem Beobachtungsturm den Scheinwerfer auf den Kletterer. Während der eine Grenzsoldat seine Waffe durchlud, brachte Manfred P., der Befehlshabende, sie verzögert in Anschlag. So dokumentiert es der NVA-Untersuchungsbericht.

Sie hätten nur noch den Schatten des Grenzverletzers gesehen, sagten die Beiden nach dem Vorfall aus. Eine Rekonstruktion ergab jedoch, dass sie rechtzeitig hätten schießen können. Das wird Manfred P. später selbst bestätigen. "Ich habe von der Schusswaffe bewusst nicht Gebrauch gemacht", erklärte er dem heutigen Leiter des Mödlareuther Museums Robert Lebegern bei einer Zeitzeugenbefragung. Einen gezielten Schuss habe er sich schon damals trotz der möglichen Konsequenzen nicht vorstellen können.

Da man Manfred P. diesen vorsätzlichen Nichtgebrauch seiner Waffe damals auch nach vielen Verhören nicht nachweisen konnte, fiel seine Strafe mit zehn Tagen Einzelhaft vergleichsweise gering aus. Für die Grenzüberwachung hatte der Fall jedoch Konsequenzen: Die Grenzkompanie sei "in ungenügendem Maße politisch-ideologisch und organisatorisch auf die Aufgaben in der Grenzsicherung vorbereitet", analysierte die NVA im Untersuchungsbericht. Sie setzte Erziehungseinheiten für die Grenzposten, wie beispielsweise "verstärkte politisch-ideologische Arbeit, besonders zur Erreichung einer bedingungslosen Anwendung der Schusswaffe", auf den Plan. Zudem wollte die NVA durch zusätzliche Scheinwerfer sowie "Schaffung von Sicht- und Schussfeld" verhindern, dass in Mödlareuth jemals wieder jemandem gelingen würde, was Hans-Jürgen S. in jener Nacht gelang.



Oriana zu Knyphausen / 13.November 2009



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