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Ganz Mödlareuth ist ein Museum

Panzer zielt auf Touristen-Bus
Freundlicher Empfang: Die Busse der Touristen halten vor dem Panzer
Quelle: Axel Springer Akademie
Auf jeden Mödlareuther kommen jährlich 1000 Touristen. Was soll das bloß für ein Leben sein? Ein sehr schönes, sagen die Mödlareuther. Das war nicht immer so.

Die tägliche Lawine trifft Mödlareuth heute um 13.51 Uhr. Dröhnend rollt sie von der Bundesstraße heran, quietschend und mit einer Staubwolke im Rücken kommt sie an der Ortsgrenze zum Stehen. Blau-gelbes Metall gleitet auseinander und speiht Mensch nach Mensch auf den Parkplatz. Dicke, dünne, Männer, Frauen, Schüler, Rentner.

Als sich der Staub gelegt hat, strömen rund 150 Touristen von ihren Bussen aus in Richtung Ortskern. Dort liegt, weshalb sie hier sind: Das Deutsch-Deutsche Museum von Mödlareuth.

Robert Lebegern ist der Direktor des Museums, das sieht man schon an seinem Büro. Der Schreibtisch biegt sich fast vor Papierstapeln. Aber er steht während des Gesprächs die meiste Zeit, zum Reden benutzt er auch seine Hände und Füße. "Das Museum liegt allen Mödlareuthern am Herzen. Hier meckert niemand darüber, wenn mal ein Reisebus durch den Ortskern fährt, obwohl das eigentlich verboten ist."

Der 3. September 1990: Ein halbes Jahr ist es her, dass der Bau-Unternehmer Karl-Heinz Spörl mit seinem Bagger Teile der Mauer in Mödlareuth eingerissen hat. In einem Geräteschuppen der Familie Mergner versammeln sich alle Mödlareuther. Sie beschließen, die Überreste der steinernen Grenze, die einst Mödlareuth, Deutschland und die ganze Welt in zwei Teile geschnitten hat, stehenzulassen. Um die zu erwartenden Touristen-Massen zu kanalisieren, wurde dazu der Bau des Museums beschlossen. Jeder Mödlareuther ist qua Bürgerschaft im Ort vom Beitrag für den Museumsverein befreit.

"Alle sind stolz auf das Museum"


60.000 Besucher kommen jedes Jahr in dieses Museum, das sind tausendmal so viele Menschen wie Mödlareuth Einwohner hat. Alle Mödlareuther hätten Platz in einem Reisebus, an diesem sonnigen Dienstag kommen allein sechs solcher Busse auf den staubigen Parkplatz gerollt. Auf dem Weg vom Parkplatz in das Museum, vorbei an Mauerresten und Wachtürmen schieben sich die Menschenschlangen direkt an dem Wohnhaus von Karin Mergner vorbei. Sie ist fast ein bisschen entrüstet, als sie die Frage beantwortet, ob das nicht manchmal nerve: "Niemals, im Gegenteil. Es ist wichtig, dass auch die jungen Leute die Möglichkeit haben, sich ein Bild zu machen. In Mödlareuth sind alle stolz auf das Museum."

Parkplatz für Busse
Vom Parkplatz an der Ortsgrenze kommen die Touristen-Kolonnen ins Dorf
Quelle: Axel Springer Akademie
Arnold Friedrich, der ehemalige Bürgermeister von Mödlareuth, sitzt vor dem Museum auf einer Bank und blinzelt in den Sonnenschein. Er kann sich an die Zeit erinnern, als die Mauer noch nicht historisches Gemäuer war, sondern steingewordenes Welten-Ende. "Auf der bayrischen Seite war damals schon viel Betrieb. Aber für die Thüringer war es natürlich eine Umstellung, als auf ihrer Seite plötzlich auch so viele Touristen waren." Fragt man heute die Mödlareuther auf der thüringischen Seite nach der Zeit damals, heißt es unisono: "Wir waren froh, dass die Mauer offen war. Die paar Touristen haben uns nicht gestört. Wir waren froh, dass wir diese Leute endlich treffen konnten."

"In Berlin sind sie neidisch"


Man tritt keinem Mödlareuther zu nahe, wenn man sagt, dass sich ihr Dorf ein großes Stück weit über die Mauer definiert, ohne die es das Museum niemals gegeben hätte. Jene Mauer, die für die Welt zum Symbol für Klassenkampf und Kalten Krieg geworden ist. "In Berlin sind sie doch neidisch auf uns, weil sie die komplette Mauer weggerissen haben", sagt Arnold Friedrich. Kurz darauf steht er auf und erklärt einer Gruppe Schulkinder, was es mit dem schwarz-rot-goldfarben getünchten Grenzpfosten auf sich hat.

Es ist jetzt später Nachmittag in Mödlareuth. Die anderthalbstündigen Museumsführungen sind beendet, die Menschen in die Busse zurückgekehrt, die Busse auf die Autobahnen. Die Straßen sind wie leergefegt, das Gelände um die Mauer herum auch. Der nächste Bus kommt um 6:35 Uhr nach Mödlareuth. Er wird das Dorf nicht mit Menschen überschwemmen, sondern Menschen einsammeln. Sein Ziel lautet: Gefell, Schule.




Simon Pausch / 16.Oktober 2012



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