WAS EINT WAS TEILT WAS BLEIBT WAS BESCHREIBT HINTERGRUND

"Denk mal!"

In Mödlareuth erinnert noch vieles an die Teilung: ein Museum, rekonstruierte Sperranlagen und ein weithin sichtbares Stück Mauer. Aber ein Denkmal gibt es nicht. Die Kunsthistorikerin Dr. Maren Ullrich ist Expertin für Erinnerungskultur. Bei der Recherche für ihr letztes Buch* hat sie knapp 300 Denkmäler und Erinnerungsorte an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze besucht. Im Interview erklärt sie, was ein Denkmal ausmacht und warum es für Mödlareuth besser ist, darauf zu verzichten.

Denkmal für Peter Fechter
Denkmal für Peter Fechter, der an der Berliner Mauer erschossen wurde
Quelle: Deutsches Bundesarchiv/Wikimedia Commons
Warum begeistern Sie sich für das sperrige Thema Erinnerungskultur an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze?

Maren Ullrich: Ich habe meine Magister-Arbeit über die Gedenkstätte in Auschwitz-Birkenau geschrieben. Es ging darum, welchen Einfluss die Denkmäler auf die Wahrnehmung des historischen Ortes haben. Ich fand es faszinierend, wie unsere Erinnerung durch den Gang über das Gedenkstätten-Gelände geprägt wird, wie der Blick auf die Denkmäler, aber auch auf die baulichen Überbleibsel, wie z.B. Barackenfundamente oder Krematoriumsruinen, unsere Wahrnehmung von Auschwitz-Birkenau bestimmen. Das Thema habe ich dann wissenschaftlich weiter verfolgt und mich schließlich mit der deutsch-deutschen Grenze beschäftigt. Ich habe mich bewusst auf die innerdeutsche Grenze konzentriert, und eben nicht auf die Mauer in Berlin. Meine Erwartung war, dass dort vieles geblieben sein würde.

Hat sich Ihre Erwartung bestätigt?

Ullrich: Eben nicht! Ich bin den Grenzstreifen weitestgehend abgefahren und abgelaufen. Er ist zwar noch als Spur in der Landschaft zu erkennen, aber der Eindruck einer klaren Trennlinie ist, zumindest auf den ersten Blick, verschwunden. Neben den Museen, in denen die Grenzanlagen partiell erhalten oder nachgebaut worden sind, gibt es im Gelände jedoch auffallend viele historische Denkmäler aus der Zeit vor 1989. Im Osten nur vereinzelt, exklusiv für diejenigen, die bei der Grenzsicherung umgekommen sind. In der DDR war die Erinnerungskultur sehr uniform und sehr reduziert. Im Westen gab es viel mehr Denkmäler. Aufgestellt von Kirchengemeinden, Politikern, Vereinen oder Privatleuten. Es gab dort eine bunte Mischung von Initiatoren und ausführenden Künstlern.

Wie hat sich die Denkmal-Kultur in Westdeutschland über die Jahrzehnte entwickelt?

Dr. Maren Ullrich
Dr. Maren Ullrich, Expertin für deutsch-deutsche Gedenkkultur
Quelle: Babette Lorenz
Ullrich: In den 50er Jahren waren die Denkmäler Mahnmäler, die die Einheit Deutschlands forderten. In den 60er Jahren wurde diese Hoffnung aufgegeben. Es ging nun vor allem um das Gedenken an die Grenztoten, meist mit schlichten Kreuzen oder gravierten Findlingen. Im Zuge der Entspannungspolitik Anfang der 70er Jahre wurden fast gar keine Denkmäler mehr errichtet. Zumindest die staatlichen Träger hielten sich mit neuen Aufstellungen zurück. Mehr und mehr waren es Privatpersonen, die die Menschenrechtsverletzungen an der Grenze anklagten. Ihre Denkmäler waren unbequem und sollten immer auch die Bonner Politik der Annäherung kritisieren. Mit dem Zusammenbruch der DDR 1989 kamen es zu neuen Bearbeitungen; teilweise erinnerten aber auch bloße Mauer-Imitate an die deutsch-deutsche Vergangenheit. Jetzt im Jubiläumsjahr, 20 Jahre später, gibt es den Trend, die letzten Spuren und Relikte der Trennung zu erhalten. Es wird sogar um den Wiederaufbau von Sperranlagen gestritten.

Welches Mauer-Denkmal ist besonders gut gelungen, welches gar nicht?

Ullrich: Ich finde ein Denkmal von dem französischen Künstler Jean-Lucien Guillaume im Wendland bei Gartow besonders interessant. Es entstand 1992 und ist der Nachbau des oberen Teils eines alten Beobachtungsturms der DDR-Grenztruppen. Aber das Denkmal steht nicht an seinem ursprünglichen Ort im ehemaligen ostdeutschen Grenzraum, sondern auf westdeutschem Terrain. Den Besuchern gibt es auch nicht den Blick auf die ehemalige Grenze, sondern auf historisch unbedeutendes Gebiet frei. Der Künstler vermeidet trotz der Imitation eine Wiederholung der ursprünglichen Blickkonstellationen und widerspricht damit einer allgemeinen Erwartungshaltung. Aber es gibt auch viele simple Denkmäler, von Laien oder Volkshochschulkursen entworfen. Nach dem Motto: Jeder darf mal. Da kann man natürlich nicht sehr viel erwarten.

Was muss ein Denkmal leisten?

Ullrich: Es geht darum, dass die Menschen ins Nachdenken kommen. Im wahrsten Sinne des Ausdrucks: Denk mal! In dieser Hinsicht sind meines Erachtens die Denkmäler, die ausschließlich die Freude über die Wiedervereinigung thematisieren, etwas ungenügend. Ich finde, ein Denkmal ist gelungen, wenn es etwas sperrig daherkommt.

Sie waren während Ihrer Recherchen auch in Mödlareuth. Was für ein Mauer-Denkmal könnten Sie sich für den Ort vorstellen?

Ullrich: Ich finde, der Ort und die Relikte sind Denkmal genug. Es fehlt vielleicht an einer permanenten Ausstellung, die die Einzelbesucher, die sich keiner Führung anschließen, informiert. Aber es braucht kein Denkmal, nur damit dort ab und zu ein Kranz abgelegt werden kann. Das ist überflüssig.

Frau Dr. Ullrich, wir danken Ihnen für das Gespräch.

* Maren Ullrich, "Geteilte Ansichten- Erinnerungslandschaft deutsch-deutsche Grenze", Aufbau-Verlag, 2006, 24,90 Euro



Thore Schröder / 06.November 2009



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