WAS EINT WAS TEILT WAS BLEIBT WAS BESCHREIBT HINTERGRUND

Freundschaft kennt keine Grenzen

Durch Zufall lernen sich Karin Mergner (64) aus West-Mödlareuth und Carmen Schmidt (52) aus Dobareuth bei Ost-Mödlareuth kennen. Und das zwei Jahre vor der Wende. Durch ihre Freundschaft sind die beiden der Mauer plötzlich näher als je zuvor. Getrennt hat sie das trotzdem nicht.

Eine Flasche Sekt, ein gemütliches Plätzchen und viel Zeit zum Reden - mehr brauchen Karin Mergner und Carmen Schmidt nicht, um Spaß zu haben. Seit über zwanzig Jahren sind sie Freundinnen, wohnen nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Ein kurzer Anruf genügt und die eine steht sofort auf der Türschwelle der anderen. So einfach war das allerdings nicht immer.

Karin Mergner und Carmen Schmidt am Weiher in Mödlareuth
Karin Mergner (lks.) und Carmen Schmidt lernten sich 1988 im Westen kennen
Quelle: Axel Springer Akademie
Carmen Schmidt ist in Dobareuth bei Ost-Mödlareuth aufgewachsen. Ihr Mann Manfred stammt aus dem gleichen Dorf und ist der Jüngste von fünf Brüdern. Als die Schmidts 1976 heiraten, arbeitet sie in einer Wäscherei, er als Traktorfahrer bei einem landwirtschaftlichen Betrieb. Zusammen haben sie ein Haus in Dobareuth und zwei Söhne. "Im Grunde waren wir zufrieden", erinnert sich Carmen Schmidt.

Karin Mergner war zu diesem Zeitpunkt schon zehn Jahre mit ihrem Mann, dem Landwirt Erhardt Mergner, verheiratet. Das Paar lebt mit seinen Kindern auf dem eigenen Bauernhof in West-Mödlareuth - in Freiheit. Dass vielen Deutschen diese Freiheit genommen worden war, ist ihr vor Augen geführt: Die Mauer steht seit 1966 nur wenige Meter vor ihrem Haus.

"Irgendwann wurde der Anblick von Beton und Stacheldraht für uns Normalität", sagt Karin Mergner heute. Kontakt zu den Menschen auf der Ostseite habe es kaum gegeben. Stattdessen sieht sie täglich Grenzsoldaten, die verhindern sollen, dass die Menschen östlich der Mauer in den Westen flüchten können. Mit ihren Waffen sitzen sie in den Wachtürmen und patrouillieren entlang der Sperrzone auf und ab - Tag für Tag, Nacht für Nacht. Über 20 Jahre lang.

Von Ost- nach West-Mödlareuth braucht man vier Stunden


An Flucht aus der DDR hat Carmen Schmidt nie gedacht. Ihr Schwiegervater lebt in Ost-Mödlareuth, eigentlich absolutes Sperrgebiet, auch für die Bewohner von Dobareuth. Mit einem Passierschein darf Carmen Schmidt den Schwiegervater dort aber besuchen. Da ahnt sie noch nicht, dass hinter der Mauer, auf der Westseite, bald eine Freundin wohnen würde.

Grenzverkehr

Ostdeutsche, die in den Westen reisen wollten, mussten mindestens vier Wochen vorher einen Passierschein beantragen. Berechtigt waren nur Rentner oder solche Personen, die Eltern oder Geschwister im Westen hatten. Es waren nur Bus- oder Zug-Reisen möglich und die Aufenthaltsdauer betrug maximal neun Tage. Seit dem Inkrafttreten des neuen Verkehrsvertrages zwischen der DDR und der Bundesrepublik 1972 konnten Westdeutsche Verwandte oder Bekannte im Osten auch mehrmals im Jahr besuchen. Für die Bewohner von 56 grenznahen Stadt- und Landkreisen im Westen gab es zudem die Möglichkeit für Tagesaufenthalte im Osten.

Ihr Mann Manfred darf 1986 für die Silberhochzeit einer seiner Brüder in den Westen reisen. Carmen Schmidt und die Kinder dürfen ihn aber nicht begleiten: Potenzielle Fluchtgefahr."Damals habe ich mich zum ersten Mal so richtig durch den Staat eingeschränkt gefühlt," beschreibt die 51-Jährige ihre Gefühle von damals.

Plötzlich ist Carmen Schmidt der Mauer näher als zuvor


Bei seinem Westbesuch lernt Manfred Schmidt die Mergners kennen und legt damit den Grundstein für eine bis heute andauernde Freundschaft. Zwei Jahre später, 1988, besuchen die Schmidts aus dem Osten zum ersten Mal die Mergners im Westen. Für die etwa drei Kilometer lange Strecke braucht das Paar vier Stunden. "Wir mussten erst mit dem Bus nach Plauen, von da mit dem Zug nach Gutenfürst zum Grenzübergang", erzählt Carmen Schmidt. "Und da haben wir dann auf die Kontrolle gewartet. Stundenlang."

Von Gutenfürst fahren die Schmidts per Bus weiter nach Hof, wo die Mergners sie abholen. Plötzlich ist Carmen Schmidt der Mauer näher als zuvor. Von beiden Seiten. "Durch Karin hab ich erst die Dimension der Trennung verstanden. Das ständige Beantragen eines Visums, die Fahrerei - das war schon hart", sagt sie. "Aber wenn wir dann zusammen waren, hatten wir so viel Spaß", ergänzt Karin Mergner. "Wir haben gefeiert, gekocht, gelacht. Mit Carmen kann man wunderbar lachen."

Stiller Kontakt über die Mauer


Karin Mergner und Carmen Schmidt in Italien 1990
1990 machten Schmidt (l.), Mergner (Mi.) und eine Freundin Urlaub
Quelle: Axel Springer Akademie
Bis zum Mauerfall schreiben sich die Frauen regelmäßig, telefonieren ab und zu. Manchmal geht Carmen Schmidt nach Ost-Mödlareuth. Dorthin, wo das Dorf etwas erhöht auf einem Hügel liegt. Dann winkt sie Karin Mergner zu, ins Tal, auf die Westseite. "Das war schon komisch. Ich musste peinlich genau aufpassen, dass mich kein Grenzsoldat entdeckt", erzählt sie."Schließlich war Winken über die Mauer verboten."

"Ich habe mich so gefreut, wenn ich die winkende Carmen auf dem Hügel entdeckt habe", sagt Karin Mergner. "So hatten wir zwar nur stillen Kontakt - aber wir hatten immerhin Kontakt." Nach der Grenzöffnung 1990 fahren beide Frauen gemeinsam nach Italien und Monaco. "Den Moment, als ich zum ersten Mal die Alpen gesehen habe, werde ich nie vergessen", sagt Carmen Schmidt. In diesem Moment realisieren beide Frauen, dass die Zeit des Winkens und Schreibens vorbei ist, sie zusammen feiern, kochen und lachen können, wann sie wollen. Bis heute.



Katharina Eißner / 23.September 2009



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