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Das verschwundene Dorf

Ein altes Foto von Bauernhäusern in Dornholz, aufgenommen auf einem Feld nahe Juchhöh
Wo früher Rosemarie Weiß' Elternhaus stand, ist nur noch ein weites Feld
Quelle: Axel Springer Akademie / R. Weiß
Die Bagger kamen im Sommer 1982. Dornholz, ein kleines Dorf nahe Mödlareuth und der innerdeutschen Grenze, wurde vollkommen zerstört. DDR-Grenztruppen rissen die Häuser ab und vertrieben drei Familien von ihrem Grund und Boden. Der Ort geriet in Vergessenheit - nur seine früheren Einwohner erinnern sich noch an ihre Heimat.

"Hier stand unser Haus. Und unser Obstgarten." Rosemarie Weiß (54) steht auf dem freien Feld. Sie blickt erst auf das kleine Schwarz-Weiß-Foto in ihrer Hand, dann auf die wogenden Halme vor sich. Von dem schmucken Bauernhaus auf der Fotografie ist nichts mehr zu sehen.

Das Bild wurde vor 60 Jahren genau an dieser Stelle aufgenommen; es zeigt Rosemarie Weiß’ Elternhaus. DDR-Grenztruppen rissen es 1982 zusammen mit zwei weiteren Anwesen ab. Das Dorf Dornholz wurde dem Erdboden gleichgemacht.

"Die Häuser der Familien Joram, Fuchs und Schaller standen hier", sagt Rosemarie Weiß, geborene Schaller, während sie über das Feld stapft und ins Leere deutet. Ihr Heimatort Dornholz, ein thüringischer Weiler im deutsch-deutschen Grenzstreifen, lag nur wenige hundert Meter hinter Juchhöh, eine Viertelstunde von Hof entfernt. Etwa ein Kilometer talwärts von hier endete die angrenzende Landstraße jäh am Grenzübergang Töpen-Juchhöh, auf der Tannbachbrücke. Juchhöh und die Brücke gibt es heute noch. Dornholz nicht mehr.

Der Familienbesitz wurde zum Staatseigentum


"Hier oben hab’ ich gewohnt. Unten Zäune, oben Zäune, überall Stacheldraht - das war meine Jugend." Rosemarie Weiß
Rosemarie Weiß, eine ehemalige Einwohnerin des Dorfes Dornholz, vor einer Scheune auf einem Feld nahe Juchhöh
Rosemarie Weiß vor dem letzten Gebäude von Dornholz: der Scheune
Quelle: Axel Springer Akademie
lässt ihren Blick über die Hügel und Rapsfelder schweifen. Er bleibt an der verwitterten Scheune hängen, die mitten im Feld steht. "Die wurde Anfang der 60er Jahre neben unseren Häusern für die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft gebaut", sagt sie und zieht ein weiteres Foto hervor. Darauf ist sie mit ihrem Neffen auf dem Arm zu sehen, sie steht vor der neuen Scheune und lacht in die Kamera. Zwei Jahrzehnte später ist Dornholz zerstört; der Zweckbau seither das einzige Gebäude, das von dem Dorf noch übrig ist.

"1978 saßen plötzlich zwei Herren vom Rat des Kreises bei uns in der Küche und sagten, dass wir wegen einer Grenzverlegung auf unser Haus verzichten müssen. Ohne Entschädigung", berichtet Rosemarie Weiß. Sie war in Dornholz zusammen mit ihren zwei älteren Brüdern aufgewachsen; mit 20 Jahren heiratete sie Jochen Weiß und zog nach Gefell. "Ein Jahr später starb dann mein schwer herzkranker Vater."

Nach seinem Tod zog die ganze Familie Schaller endgültig aus Dornholz weg. Das zwölf Hektar große Anwesen und zwei Hektar Wald blieben aber in ihrem Besitz - bis das DDR-Regime sie 1978 enteignete. Der Familienbesitz der Schallers gehörte von nun an dem Staat.

Ein Schutthaufen erinnert noch an die Grenze


"1982, als die Bagger kamen und alles abrissen, mussten alle Familien ausziehen", erzählt Rosemarie Weiß. Das Bauernhaus der Schallers stand da schon seit Jahren leer; aber die beiden anderen Familien wurden aus ihrem Zuhause vertrieben. Die zwangsausgesiedelten Dornholzer zogen weg, viele von ihnen sind inzwischen verstorben.
Dornholz auf einer größeren Karte anzeigen

An den Grenzstreifen, der sie aus ihrer Heimat verdrängte, erinnert heute nur noch ein unscheinbarer Schutthaufen: am unteren Ende des Feldweges, der gen Tal führt. Rosemarie Weiß betrachtet die Steintrümmer, auf denen das Unkraut wuchert. "Das war der Grenzwachturm, der nach der Zwangsaussiedlung gebaut wurde", sagt sie.

Nicht mal den Birnbaum ließen sie stehen


Ganz gleich, ob sie von der Enteignung ihrer Familie erzählt oder die alten Bilder von Dornholz betrachtet: Rosemarie Weiß bleibt stets sachlich und gefasst. "Am Anfang war es schlimm. Aber man merkt halt irgendwann, dass man so nicht weitermachen kann.
Steinbrocken auf einem Schutthaufen, aufgenommen auf einem Feld nahe Juchhöh
Von dem DDR-Grenzwachturm ist nur noch ein Schutthaufen übrig
Quelle: Axel Springer Akademie
Man hat dann damit abgeschlossen", sagt sie. "Nur das Gefühl, als ich nach der Wende zum ersten Mal wieder auf meinem Grund und Boden stand - das war so komisch, das kann man keinem erzählen."

Nach dem Mauerfall hat Rosemarie Weiß ihren Grundbesitz "anstandslos zurückerhalten", um eine finanzielle Entschädigung musste sie dagegen jahrelang kämpfen. "Bis vor zwei Jahren, da hab’ ich dann endlich das Geld bekommen - n’Appel und n’Ei."

Ihr Grundstück hat Rosemarie Weiß an einen Landwirt verpachtet. Zurückziehen und ein neues Haus bauen wollte sie nie. "Hier gibt es ja nichts mehr, kein Wasser, keinen Strom, und die Häuser ja eh nicht. Wir müssten ganz neu anfangen", erklärt sie.

Auf dem Rückweg zur Straße schildert sie noch einige Erinnerungen an Dornholz. Die vielen kleinen Feldwege, die der Flurbereinigung zum Opfer fielen. "Auf denen bin ich als Kind immer gelaufen." Oder der riesige Birnbaum, der vor ihrem Haus stand. "Eigentlich hatten sie uns bei der Enteignung versprochen, den stehen zu lassen." Rosemarie Weiß blickt aufs Feld und zuckt leicht mit den Schultern. "Haben sie aber nicht."



Céline Lauer / 26.September 2009



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