WAS EINT WAS TEILT WAS BLEIBT WAS BESCHREIBT HINTERGRUND

Mödlareuth, grenzenlos

Grenzmauer Mödlareuth
Je näher die Mauer ist, desto weiter ist sie davon entfernt, Grenze zu sein
Quelle: Axel Springer Akademie
Teilung? Einheit? Wie die Mödlareuther sich mit ihrem Schicksal arrangiert haben und warum hier Ost und West bloß Himmelsrichtungen sind. Ein Erfahrungsbericht.

Die erste Person, die uns in Mödlareuth begegnet, ist Frau Sickel. Sie ist Ein-Euro-Jobberin und pflegt im Auftrag der Gemeinde Gefell die Beete im Ost-Teil Mödlareuths. Nach einigen Minuten des Gesprächs zeigt sie auf eine ungemähte Wiese, die auf der anderen, der West-Seite des Tannbachs wuchert, und knurrt: "Die da drüben haben noch nichts gemacht." Die da drüben - da ist er, der verbale Vorbote für die Mauer im Kopf. Dafür, dass die Grenze zwischen West und Ost vor 20 Jahren nur materiell eingerissen wurde. Mental sorgt sie weiterhin für Trennung, Spaltung, Fremdheit. Herzlich willkommen in Mödlareuth. Herzlich willkommen in Mödlareuth?

An manchen Tagen fährt uns ein Taxifahrer namens Klaus. Er kommt aus Hof in Bayern. Weil das nur etwa zehn Kilometer entfernt ist von Mödlareuth, kennt Klaus natürlich das Schicksal des kleinen Dorfes. Bei ihm löst der Gedanke an Mödlareuth in erster Linie Erinnerungen an seine Zeit als Leistungssportler aus. Klaus ist Anfang der Neunziger Jahre für Deutschland bei internationalen Wettkämpfen gerudert. "Als die Ost-Deutschen zu uns ins Team gekommen sind, haben wir uns ganz von allein noch mehr ins Zeug gelegt." Er sagt, er hatte erst dann das Gefühl, für ein echtes Deutschland zu starten.

Lässt sich hier ablesen, ob unser Land zusammengewachsen ist?


Zwei Anekdoten, und keine Antwort auf die eine große Frage, die wir mitgebracht haben: Ist Mödlareuth, dieser winzige Fleck fränkischer Provinz, eine Miniatur Deutschlands? Lässt sich hier ablesen, wie unser Land 20 Jahre nach der Wiedervereinigung tickt? Ob wir überhaupt zu einem Land zusammengewachsen sind? In Berlin, dem Ausgangspunkt unserer Reise, betrachtet gerade einmal jeder Dritte die Bewohner seiner Stadt als Menschen seines Volkes. Wer in Charlottenburg oder Spandau wohnt, bleibt in Charlottenburg oder Spandau, wer aus Pankow kommt, bleibt in Pankow. Die Berliner sehen die Gegensätze, nicht die Gemeinsamkeiten.

Karl-Heinz Spörl, ein Mann mit einer bewegenden Vita, spricht für alle Mödlareuther, wenn er sagt: "Wissen Sie, ich will mich nicht zu wichtig nehmen. Wir haben die Mauer hier stehen. Das zieht viele Touristen an, aber für uns ist das Normalität. Wir nehmen die Mauer kaum noch wahr." Bescheidenheit ist einer der wesentlichen Charakterzüge, der die Mödlareuther zu einer so homogenen Gemeinschaft hat werden lassen. Bis vor 20 Jahren lebten sie in unterschiedlichen Welten. Heute ist nur das Territorium noch das gleiche wie zu Zeiten, als der Kalte Krieg auch im Vogtland ausgefochten wurde.

Es gibt sie, die Stimmen, die von der Trennung reden zum 20. Jubiläum der Wiedervereinigung. Sie verdienen es, angehört zu werden. Und sie verlangen es, eingeordnet zu werden. Es sind nicht 19 West-Mödlareuther und 35 Ost-Mödlareuther, die hier leben, sondern 54 Mödlareuther, dafür spricht die überragende Mehrheit unserer Erfahrungen. Dafür sprechen die Geschichten, die wir gehört und aufgeschrieben haben. Dafür spricht, was wir in Mödlareuth gefühlt haben.

Wenn es ein Fazit unserer Reise gibt, dann ist es dieses: Mödlareuth ist wie jeder andere Fleck auf der Erde auch ein Mikrokosmos. Ein Organismus, der nach bestimmten Abläufen und Eigenheiten funktioniert. Was diesen Ort von allen anderen unterscheidet, sind fast 100 Meter Mauer im Dorfkern. Eine Mauer, die ihren Schrecken verloren hat und nur noch in Fotoalben und Erinnerungen seine Grausamkeit entfaltet. Ansonsten teilt dieser Ort die Probleme tausender anderer Dörfer: Überalterung, Abwanderung, kaputte Preise in der Landwirtschaft.

West und Ost sind in Mödlareuth nur noch Himmelsrichtungen


Sechs Tage sind jetzt vergangen seit unserer Ankunft im ehemaligen deutsch-deutschen Grenzgebiet. 144 Stunden Mödlareuth und Mödlareuther. Was bleibt? Eine Mauer, weiß getünchter Stein, Zentrum ihres Ortes. Sie ist für die Mödlareuther nicht mehr als historisches Gemäuer, ein Relikt aus alten Tagen. West und Ost sind hier nichts als Himmelsrichtungen, fernab jeglicher politischer, menschlicher, emotionaler Kategorien. Je näher die Mauer geografisch ist, desto weiter ist sie davon entfernt, Grenze zu sein.

Die Fahrt zurück von Little Berlin nach Berlin führt uns noch einmal vorbei an ungemähten bayerischen Wiesen, die Frau Sickel anfangs angeprangert hat. Sie kommt übrigens aus Bad Lobenstein, Sachsen, weit weg von Mauer und Gemeinsamkeit. Die Straße, die unseren Reisebus durch diese Felder führt, trägt den Namen "Friedensstraße."



Simon Pausch / Kristof Stühm / 16.Oktober 2012



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